In wahrem Licht am Wegesrand
Ein wunderschöner Hain so dicht er stand
Ein Ort magischen Friedens
Geschundene Seelen und dennoch des Liebens
Nie überdrüssig
Ganz klar und rein und schlüssig
und leidenschaftlich und sehnsüchtig und
Und auch so küssig
So voller Leben
So voller Ernst
Das war dort zu lesen auf einem Schild, direkt am Weg, an diesem Morgen, der noch kühl und erfrischend war und gerade dabei, von einer silbernen in eine goldene Landschaft überzugehen. Es war genau dieser Moment eines Morgens an dem die Kühle der Nacht langsam weicht und jeder Windhauch ein bisschen mehr Wärme mit sich trägt, als der vorherige. Und genau in diesem Silber zu Gold Augenblick erreichte PaBa-n das Schild, das an der Stelle stand, wo der Eingang zu diesem Hain liegen musste.
„Guten Tag, wie heißt du?“
„Ich heiße HaCo-n. Und wie ist dein Name?“
„Mein Name ist PaBa-n. Dieser Wald schaut ganz wunderbar friedlich und einladend aus. So warm und kühl zugleich, so hell und strahlend und doch gedämpft. Was ist das für ein Ort?“
„Das ist ein Ort des Rückzugs und des Beschützens. Es ist ein Ort der Fürsorge und der Heilung.“
„Seit drei Stunden schon wandere ich an seinen Grenzen entlang und ich fühle mich ständig hingezogen. Nur bis jetzt gab es keinen für mich erkennbaren Eingang. Aber hier an diesem Schild, darf ich den Wald hier betreten?“
„Das kann ich dir nicht einfach so erlauben! Denn ich bin HaCo-n, die aufrechte, unbeugsame, spiegelfechtende Schattenboxerin, die diesen Wald und alle, die sich in ihm aufhalten, beschützt.“
„Und ich bin PaBa-n, schmiegsam leichtfüßige, reisende Tänzerin und ich würde diesen Wald unglaublich gern erkunden. Wenn man ihn nicht betreten darf, wie kann dann dort jemand sein, den du beschützen musst? Wen beschützt du denn, der sich darin aufhält?“
„Ich beschütze nicht jemanden, ich beschütze sie, die Buchstaben.“
„Die Buchstaben? Welche Buchstaben?“
„Die Buchstaben, die sich in diesem Wald aufhalten, die Heilung brauchen. Es sind geschundene und verzweifelte Buchstaben. Manche sind kraftlos, zerlesen, zerrissen. Manche fühlen sich schuldig, manche missbraucht. Allen gemein ist, dass sie Ruhe und Schutz und Heilung brauchen. Deswegen sind sie hier, im Buchstabenhain. Dem einzigen Platz auf der Welt dieser Art. Und ich kenne dich nicht. Deswegen kann ich dich den Wald nicht einfach betreten und schon gar nicht erkunden lassen.“
„Das kling schlimm. Was ist ihnen denn passiert, dass sie sich schuldig fühlen? Wer hat sie missbraucht? Und wie?“
„Ich will es dir erzählen PaBa-n. Setzt dich zu mir und schlage deine Seiten auf, schmiegsam leichtfüßige, reisende Tänzerin.
Einst waren Worte, Worte. Sie wurden gesprochen und Geschichten wurden nur erzählt oder gespielt. Natürlich bestanden diese Worte aus Buchstaben, die zu Lauten geformt und in die richtige Reihenfolge gebracht einen Sinn ergaben. Dann kam die Schrift in die Welt der Sprachen, und es entstanden tausende von unterschiedlichen Alphabeten. Sie alle basieren auf Buchstaben und nicht auf Symbolen oder Silben. Anfangs waren es nur die Gelehrten ihrer Zeit und ihrer Länder, die Buchstabenschriften beherrschten. Buchstaben wurden von Hand geschrieben, sie dienten wie Zahlen dazu, Wichtiges festzuhalten. Diese Klügsten ihrer Zeit bedienten sich der Buchstaben, um ihre Forschungen festzuhalten, große Erkenntnisse zu formulieren, Fragen zu formulieren, die Grundsätzliches fragten. Buchstaben waren verbunden mit Meilensteinen der Geschichte von Völkern, mit bahnbrechenden Erkenntnissen, mit revolutionären, einzigartigen Theorien. Als neben der Handschrift auch noch der Buchdruck erfunden wurde, begann die Blütezeit der Buchstaben. Buchstaben waren wichtig, sie dienten der Bildung, sie dienten dem Fortschritt, sie waren die Grundlage kluger, zauberhafter oder phantasievoller Texte; Poesie, Lyrik, Märchen. In Libretti standen Buchstaben gleichauf mit den Noten. In der Wissenschaft waren sie so wichtig und so angesehen wie die Ziffern. Aber wie bei allem was einen Aufschwung erlebt, bei allem was sich verbreitet, kamen neben den Licht- auch die Schattenseiten auf.
Die ersten Buchstaben fanden sich in Worten wieder, die zu Sätzen geformt dienten, um Kriege zu erklären. Sie fanden sich in Anklagen und Todesurteilen wieder. Verträge wurden formuliert, die Menschen etwa in die Sklaverei schickten. Es wurden Vereinbarungen geschlossen, die gebrochen wurden, die aus schlechten Absichten entstanden und die nur dazu dienten, anderen zu schaden.“
„Und das machte den Buchstaben zu schaffen, HaCo-n?“
„Einzelnen ja, sensiblen, zarten Buchstaben. Aber die Dinge waren und blieben noch lange im Gleichgewicht, Jahrhunderte. Andere Buchstaben konnten sie wieder aufbauen. Nach jeder Nacht kommt ein Tag, nach jedem Tal ein Hoch. Und ein Buchstabe, der heute vielleicht in einem Schmähgedicht verwendet wurde, fand sich später in einer Hochzeitseinladung wieder, die Menschen zu einem fröhlichen Fest versammelte. Die Dinge waren im Gleichgewicht und es waren immer noch eher wahre und kluge und gute Dinge, die ihren Ausdruck durch Buchstaben fanden, PaBa-n.“
„Aber was ist nach diesen guten Jahrhunderten passiert, dass es heute geschundene und missbrauchte Buchstaben gibt, die Heilung im Buchstabenhain suchen?“
„Es fing ganz langsam und schleichend an, fast unbemerkt, mit einem großen K aus einer alten deutschen Schrift, der Unger-Fraktur. Dieses K fand sich plötzlich im Titel eines Buches wieder, dass der Ausgangspunkt für einen der schlimmsten Kriege der Welt, das Leid von Millionen von Unschuldigen und die monströsesten Taten, die man sich nur vorstellen kann, war. Später kamen noch ein kleines e und ein m in der Antiqua-Schrift dazu. Das waren die ersten Buchstaben, die sich nicht mehr selbst heilen konnten, die keine neue Perspektive mehr fanden und die auch in keiner anderen Veröffentlichung mehr geschrieben oder gedruckt werden wollten. Sie sind heute noch hier im Buchstabenhain und werden ihn wohl auch nie mehr verlassen. Sie sind mit inzwischen vielen anderen die schwersten Fälle, die wir schützen und denen wir versuchen so weit möglich Frieden zuteil werden zu lassen.“
„Das klingt grausam und bestürzt mich, HaCo-n. Wenn du von den schwersten Fällen sprichst, wieviele Fälle, wieviele Buchstaben pflegt ihr denn inzwischen hier?
„Es sind hunderttausende von Buchstaben, mit tausenden von schweren Fällen. Und es werden immer mehr, auch allerschwerste Fälle. Ich befürchte fast, wir werden sehr schnell eine Explosion erleben und vielen, vielen einfach nicht mehr helfen können, weil wir gar nicht mehr genug freie, friedliche Seiten haben, um sie alle aufzunehmen.“
„Wie funktioniert es, dass ihr diese Buchstaben aufnehmt und wie leben sie in diesem Hain? Erklär es mir HaCo-n, bitte!“
„Der Hain ist voller Bücher, wunderschöner, zauberhafter, friedlicher und inspirierender Bücher. Und alle Buchstaben, die zu uns kommen, können sich auf den leeren Seiten, in Leerzeilen zwischen einzelnen Absätzen, vor den Seitenumbrüchen oder im Weißraum niederlassen und ausruhen. Die Buchstaben in diesen Büchern geben bereitwillig ihren Platz in einem Wort auf und die geschundenen Buchstaben können an ihre Stelle treten und so durch die Kapitel wandern. Sie können sich auch andere Bücher aussuchen und immer solange verweilen, wie sie wollen. Viele heilen nach wenigen Wochen, manche sind Monate oder Jahre im Hain und manche wahrscheinlich für immer.“
„Das ist wundervoll, dass es diesen Hain gibt und berührend und traurig zugleich, dass es Buchstaben gibt, die so leiden müssen. Gibt es denn noch mehr Buchstaben, die vergleichbares erleiden mussten, wie das Unger-Fraktur K oder das kleine e und das kleine m?“
„Es gibt Gott sei Dank bisher nur wenige. Aber ja, es gibt sie und auch sie werden immer mehr. Da ist zum Beispiel ein großes, wunderschönes und einzigartiges E, das zum Anfangsbuchstaben für den Namen eines Flugzeugs wurde. Dieses Flugzeug hat furchtbare Bomben auf zwei Städte abgeworfen und zehntausende Menschen sind augenblicklich verbrannt oder langsam und qualvoll zu Tode gekommen. Nach diesem E wurde dann sogar eine eigene neue Schriftfamilie entwickelt, die „Shock and Awe“ mit den beiden Schriften „Enola Gay“ und „Tomahawk“. Dieses E ist daran zerbrochen und fühlt sich bis heute schuldig. Ein anderer Buchstabe ist ein bedauernswertes, kalligraphisches Alif (ا), dass von einem Mann in seinem Abschiedsbrief verwendet wurde, um den Gott Allah zu preisen, bevor dieser Mann ein Flugzeug in ein hohes Haus gesteuert und tausenden unschuldigen Menschen den Tod gebracht hat.
Das sind die Ereignisse, die Buchstaben zu unseren allerschwersten Fällen machen, zu den vielleicht unheilbaren, zu denen, die sich so unvorstellbar missbraucht fühlen.“
„Es zerreisst mich, dir zuzuhören, HaCo-n!“
„Verstehst du jetzt, warum ich dir nicht einfach so erlauben kann, den Hain zu betreten ohne zu wissen wer du bist und zu wissen, ob du diesen Buchstaben weiteren Schaden an ihrer Seele breiten könntest, PaBa-n.“
„Ich verstehe es. Was mich auch schreckt ist, dass du gesagt hast, dass es inzwischen hunderttausende von Buchstaben sind, die im Hain Zuflucht nehmen und dass du eine Explosion neuer Fälle schon bald erwartest. Wieso?“
„Weißt du PaBa-n, die schweren Fälle, die ich dir geschildert habe und von denen es noch mehr gibt, sind immer noch Einzelfälle. Sie hängen mit einzelnen Ereignissen, Büchern oder Schriften zusammen. Aber an vielen dieser Fälle schließen sich ja weitere Taten und Ereignisse an. Nimm das Beispiel des Unger-Fraktur K aus dem Buchtitel. In den 20 Jahren nach dem Erscheinen des Buches passierten Millionen von Gräueltaten. Buchstaben wurden missbraucht, um etwa an den Toren von Lagern Parolen zu schreiben, die die Opfer verhöhnten. Hinrichtungsurteile wurden verfasst, Erschießungsbefehle, Erlasse für Verbrechen an Frauen und Kindern und all das tausend- oder hunderttausendfach. Und in allen Fällen wurden Buchstaben geschunden, die bis heute Traumen davon tragen. Und trotzdem gelang es auch hier immer noch wieder das alte Gleichgewicht neu herzustellen.
Aber heute ist die Situation noch viel schlimmer. Und es ist auch nicht die Entwicklung von Licht- und Schattenseiten, die mit der Schrift und dem Druck einhergehen. Seit geraumer Zeit schon kommt dazu, dass Buchstaben gar nicht mehr gedruckt werden müssen. Es bedarf keines Papiers mehr, keiner Lettern, keiner Nadel, keines Druckkopfes, keines Typenrades. Es braucht keine Seiten und keine Farbe mehr. Buchstaben sind entkörpert, nur noch imaginär, reduziert auf eine Kombination aus Einsen und Nullen, überall, jederzeit und in beliebiger Menge verfügbar. Schrift ist entfesselt, entkoppelt von physischen Grenzen, und Buchstaben sind zu einem Wegwerfgut geworden. Sind haben ihren Wert verloren, weil Worte nicht mehr abgewogen werden müssen. Worte dienen nicht mehr der Kommunikation, nicht mehr dazu Wissen zu vermitteln oder der Beschreibung von neuen, echten Erkenntnissen und dem Austausch. Sätze und Worte werden heute im virtuellen Raum in einer unfassbaren Beliebigkeit und Rücksichtslosigkeit hinausgeschleudert, vielfach ohne Anstand, ohne moralischen Bezug, ohne Anspruch auf einen minimalen Wahrheitsgehalt und ohne über ihre Wirkung nachzudenken. Buchstaben sind nur noch unendliche Munition für sprachliche Maschinengewehre, die alles niedermähen, die emotionale Gräben fräsen und soziale Spaltung vorantreiben in einer Geschwindigkeit und einer Masse, die nicht mehr zu beherrschen ist. Millionen von Buchstaben sind heute ihrer Seele beraubt, werden verschossen, geschliffen und missbraucht und haben keine Chance mehr, sich noch irgendwie zu regenerieren, weil gar nicht genügend Schönes, Poetisches und Wertvolles mehr geschaffen werden kann, um all diesen Buchstaben einen freien Platz zu geben. Um Ihnen Erholung zu geben. Diese Buchstaben leben nur noch auf den Schattenseiten, sie werden die Lichtseiten niemals sehen und niemals füllen dürfen.“
„Hör auf HaCo-n! Hör auf! Ich kann nicht mehr, ich weine!“
„Es tut mir Leid PaBa-n. Ich wollte dich nicht zum Weinen bringen. Ich wollte dir nur die Wahrheit berichten und habe mich vergessen. Verzeih mir!“
„Ich verzeihe dir, wobei es nichts zu verzeihen gibt. Die Wahrheit verzeiht sich von selbst, egal wie hart sie ist und wie sehr sie schmerzt. Und sie muss gesagt werden, gerade weil sie so selten ist.“
„Möchtest du den Hain immer noch besuchen, PaBa-n? Er spendet tatsächlich nicht nur Buchstaben Trost und Heilung, sondern allen Wesen. Er ist voller wunderschöner Bücher und Buchstaben, die neue Hoffnung brauchen. Ich sehe dich, PaBa-n, und ich bin mir nun gewiss, dass dich weder der hinterlistige Nebelkönig ElMu-n noch sein wankelmütiger, greiser Narr MaGa-n schicken, um diese einzige Zuflucht auch zu vergiften.
Vielleicht magst du mir aus einem der Bücher vorlesen, schmiegsam leichtfüßige, reisende Tänzerin PaBa-n?“
„Das möchte ich HaCo-n, aufrechte, unbeugsame, spiegelfechtende Schattenboxerin. Das möchte ich, am liebsten für immer. Geliebte!“
