All die fantastischen Geschichten, die ich erzählen wollte, all die Bilder im Kopf, die ich beschreiben wollte, die mir einfallen, wenn ich beispielsweise versuche, Koteletts vor dem Panieren in möglichst symmetrische Stücke zu schneiden und mir dabei ein Bild einfällt, das die Sichtweise eines Autisten auf die Welt beschreiben könnte, sind weg. Ich sitze vor der Tastatur und will anfangen, und sie sind weg. Das ist typisch für mich, ich fange dann an, mir ein Gerüst zu bauen. Ich baue eine Struktur auf. Meist vom Titel beginnend, dann Überschriften und Absätze, einige Formatierungen, Seitenumbrüche, Seitenzahlen und dann irgendwann beginne ich mit dem ersten Absatz. So ist es auch jetzt. Hier, genau an diesem Punkt.

Vielleicht fange ich damit an, dass ich erzähle, dass ich nicht lustig bin. Also viele aus meiner angeheirateten Familie finden mich nicht lustig. Meine Frau beispielsweise, und auch meine Kinder, beides Jungs, finden mich meist nicht lustig. Ich persönlich halte mich für unglaublich witzig, jedenfalls manchmal, wenn ich Lust dazu habe, wenn die Situation es hergibt. Wobei eben wohl häufig Situationen bei mir Anlass zur Witzigkeit auslösen, die andere wiederum nicht lustig, nur normal oder eben auch völlig unpassend für Humor finden. Diese Maßstäbe teile ich meist nicht.

Eine dieser Situationen hat mit Ejakulat zu tun. Also eigentlich nicht, weil da kein Ejakulat war, aber es ging eben auch darum. Es war auf einer dieser geschäftlichen Netzwerkveranstaltungen, die so in den frühen 2000er Jahren in Mode kamen und wo sich Menschen im echten Leben trafen, zu „Round-Tablen“ beispielsweise, die sich über irgendeine dieser sozialen Plattformen vernetzt hatten. Vernetzen bedeutet sowas Ähnliches wie Panini-Bilder sammeln. Man investiert Zeit und eventuell Geld, um Sticker zu sammeln, klebt sie in ein Album, bekommt das nahezu nie ganz voll und wenn man viele Sticker gesammelt hat, verschwindet das in einer Schublade. So ist es auch mit virtuellen Kontakten in Netzwerken oder dem Vernetzen. Man hat am Ende mehr Bilder und volle Alben, aber anfangen kann man damit schlussendlich selten wirklich was. Aber zurück zum Ejakulat.

In der Anfangszeit dieser Netzwerkveranstaltungen konnte man tatsächlich noch interessante Menschen treffen. Im Laufe der Zeit wurden diese runden Tische aber mehr und mehr zu Veranstaltungen von beruflichen Einzelkämpfern auf der Suche nach möglichen Kunden. Trainer, Coaches, Personalberater, Anlageberater und Versicherungsvertreter mit zu wenig Aufträgen für zu viel Zeit am Tag. Bei einem dieser Abende war wieder einmal einer der unausweichlichen Speziesvertreter der Schwadronierer und Selbstverliebten am Tisch zugegen. Gott gehen mir diese Menschen auf den Sack, die nichts Interessantes zu erzählen haben, aber ständig sinnfreies, dämliches Blabla von sich geben müssen, sich in jede andere Unterhaltung einklinken und mit zunehmendem Pegel lauter und anstrengender werden.

Solche Situationen führen bei mir zu einer inneren Anspannung voller Fremdscham, die ich irgendwann nicht mehr runter regulieren kann. Über die Jahre habe ich gelernt, frühzeitig zu bemerken, wenn sich eine Situation in diese Richtung entwickeln könnte, und ich versuche, dieser Situation dann rechtzeitig auszuweichen. Entweder binde ich den Dummschwätzer dann gezielt an mich, weil ich in der eins zu eins Situation dann zwischen meinen Ohren den Durchgangskanal öffnen und es anstandslos ertragen kann, weil dann das Fremdschämen entfällt, oder aber ich verlasse die Situation. An diesem Abend ging beides nicht.

Der Schwadronierer der Spezies Versicherungsvertreter saß auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches, und der Hauptgang war noch nicht serviert. Vor dem Hauptgang gehen liegt außerhalb meiner Landkarte der Möglichkeiten. Den Schwätzer einfangen ging auch nicht, es lagen gut zwei Meter Tischdurchmesser, ein paar Blumengestecke und Kerzen dazwischen. Meine Anspannung wuchs, der Pegel wurde unerträglich, und der Drang zu handeln wuchs ins Unermessliche. Also stand ich auf, beugte mich in seine Richtung ein Stück über den Tisch, und als die meisten Augen der anderen auf mich ruhten, fragte ich ihn mit klarer, deutlicher Stimme: „Entschuldigen Sie bitte! Ist das da Ejakulat auf Ihrer Schulter?“ Danach ging es mir besser. Ich setzte mich hin und lachte mein leises, wieherndes Lachen vor mir hin, die Augen zusammengekniffen, die Schultern auf und ab hüpfend, und mir liefen die Tränen bis zum Hauptgang. Wenn ich heute an dieses Erlebnis denke, kann ich immer wieder in das gleiche leise, wiehernde Lachen ausbrechen und es kann sich zu einem echten Lachflash entwickeln.

Meine Frau könnte an dieser Geschichte nichts Lustiges finden, deswegen habe ich sie ihr auch bis heute nicht erzählt. Aber ich habe eine gute Freundin in München, mit der habe ich darüber schon mehr als einmal gelacht und „Entschuldigen Sie bitte, ist das da Ejakulat auf Ihrer Schulter“ hat sich zu einem geflügelten Wort entwickelt.

Mir ist heute klar, dass mein Satz am Tisch vielleicht bei einigen der Gäste für mehr Fremdscham gesorgt hat, als es das Geschwätz des Schwadronierers getan hat. Für mich war diese Handlung jedoch logisch, gewissermaßen zwingend logisch. Aus der Perspektive des Autisten war es notwendig, diese Person zum Schweigen zu bringen, ihn zwingend abzuschalten. Nun ist selbst mir klar, dass es wirklich unhöflich ist, jemandem in der Situation zu sagen, dass er wirklich anstrengend ist mit seinem unaufhörlichen, sinnfreien Geschwätz.

Also habe ich das getan, was ich auch in anderen schwierigen Gesprächen oder Verhandlungen sonst tue: Ich habe eine Frage gestellt. Eine verstörende Frage, die zum Denken und Handeln anregt. In meiner Welt eine völlig logische, notwendige und angebrachte Handlung. Der Autist in mir lässt dabei nur eben außer Acht, ob andere Menschen die Frage als gleichermaßen logisch, notwendig und angebracht bewerten würden. Meinem Autisten fehlt die notwendige emotionale oder soziale Intelligenz oder meinetwegen die Empathie, diesen Aspekt zu erfassen. Ich mache mir in dem Moment nicht nur keine Gedanken darüber, dieser Aspekt kommt in meinen Gedanken nicht einmal als ein entferntes Klopfen vor. Ich finde die Situation im Gegenteil einfach urkomisch und die Frage genial. Zumal auch das Ergebnis zufriedenstellend war: Beim Hauptgang war der Stuhl gegenüber unbesetzt.

Eine der Herausforderungen für einen Autisten besteht darin, sozial angemessen und Kontext bezogen zu interagieren, also bezogen auf die Maßstäbe der anderen, also der normalen Menschen. Wobei sich mir die Frage stellt, was letztlich als normal gilt, als normal definiert wird und ob es „normal“ überhaupt gibt? Ist es nicht normal den Wunsch zu haben, Koteletts in schöne, gleichmäßige Stücke zu schneiden? Ich meine, wenn das Schwein schon geschlachtet wurde und sein Leben lassen musste, kann man es dann nicht wenigstens schön schneiden?