Kennen Sie diese Situation? Diese innere Spannung, wenn Sie am Nebentisch, oder in der nächsten Sitzreihe im Zug oder am Glühweinstand auf dem Weihnachtsmarkt, eine Unterhaltung mithören dürfen und sich ob des hanebüchenen Unsinns, den die Beteiligten von sich geben, innerlich genötigt fühlen, einzuschreiten. Sie wollen unbedingt etwas dazu sagen, aber das tun sie natürlich nicht. Sie versuchen, die Ohren zu verschließen, sich wieder auf ihre eigene Begleitung zu konzentrieren, der Dame ihres Herzens oder eben auch ihrer Angetrauten, die volle Aufmerksamkeit zu schenken. Sie schauen ihr bewusst, in dem Versuch eines aktiven Zuhörers, in die Augen. Wären sie ein Luchs, würden sie ihr die Ohren zudrehen. Denn sie können nicht weg. Sie können der Situation nicht entkommen. Schließlich haben sie gerade erst bestellt, oder der Film fängt erst an, oder ihr Zug ist in Harburg und sie wollen doch noch nach Köln. Und natürlich wollen sie auch nicht, dass nun ausgerechnet sie selbst ihrer Begleitung den Anlass zur Fremdscham bieten, den sie ob des dümmlichen Geschwafels der offensichtlich – oder eher offen-hörlich, dieses Wort gibt es natürlich nicht, man müsste es jedoch erfinden, denn es ist passender – intellektuell teilmöblierten Individuen in ihrer direkten Nähe, selbst erleben.
Während sie sich also weiterhin redlich darum bemühen, ihrer Begleitung die gebührende und zugleich gebotene Aufmerksamkeit zu schenken und parallel ebenso bemüht sind, die übrigen akustischen Einflüsse auszublenden, merken sie, wie sich ihre innere Anspannung steigert.
Nein, nein, das hat er nicht wirklich gesagt. Oh, bitte, das war jetzt nicht wirklich ihre Antwort, oder?

„Hallo, hörst du mir zu?“
„Was? Natürlich höre ich dir zu.“
„Warum sagst du dann gar nichts?“
„Ich war abgelenkt.“
„Wovon?“
„Von nebenan.“
„Von wem?“
„Von den Leuten nebenan.“
„Wieso hörst du ihnen zu? Ich rede mit dir.“
„Weil ich sie nicht ausblenden kann und weil sie einfach wirklich völligen Blödsinn erzählen.“
„Wieso hörst du ihnen dann zu? Ist ihr Blödsinn interessanter, als das, was ich dir erzähle?“
„Natürlich.“
„Was?“
„Natürlich nicht, meine ich. Verzeihung.“
„Willst du dich sonst lieber zu ihnen stellen?“

Genau das! Genau das ist natürlich das Gegenteil von dem, was man im Moment will. Man will einfach nur seine Ruhe, man will nichts mehr von nebenan hören. Kennen Sie das? Kennen Sie diese Situation. In diesem Moment beginnt es ihnen zu schwanen, dass das hier unaufhaltsam dabei ist, eine unglückliche Richtung zu nehmen. Ihr Zug nach Köln hat in Harburg soeben das falsche Gleis erwischt und ist jetzt auf dem Weg nach Hannover. Natürlich wissen Sie, dass auch von Hannover noch ein Weg nach Köln führt, aber das bedeutet einen erheblichen Umweg. Es bedeutet, dass man vielleicht doch die Zug-Toilette aufsuchen muss oder die Erbsensuppe aus dem Bord-Bistro bestellen muss. Man ahnt, dass es mit der Sitzplatzreservierung nicht mehr so richtig glatt laufen wird. Mindestens eine ältere Dame wird mit Ihnen in Streit darüber geraten, dass Sie aus ihrer Sicht im falschen Zug, im falschen Wagen auf Ihrem Sitz sitzen. Wobei natürlich die alte Dame tatsächlich in den falschen Zug gestiegen ist, nämlich den, der eigentlich über Bremen, Osnabrück und Münster hätte nach Köln fahren sollen, aber jetzt die Ehrenrunde über Hannover dreht.

„Hallo, kannst du mir jetzt wenigstens zuhören oder wovon bist du jetzt wieder abgelenkt? Bin ich nicht so interessant als Gesprächspartnerin?“
„Entschuldige, aber die machen mich wahnsinnig.“
„Hör doch einfach nicht hin!“
„Ja, du hast ja recht.“

„Und dann ist der echt auf dem Hund gekommen nach all den Schicksalstritten in die Magengrube.“

Nein, nein, bitte. Das hat er jetzt nicht wirklich gesagt. Ich kann das nicht mehr. Ich muss das beenden. Ich gehe da jetzt rüber und dann kläre ich das ein für alle Mal. Das ist unerträglich und ich kann es nicht ausblenden. Ich halte das nicht mehr länger aus. Diese ungezügelte Dummheit. Diese Fernost-Kopie eines Legasthenikers, diese Temu-Version eines intellektuellen Kleingärtners.

„Hab ich was falsches gesagt? Du siehst aus, als wolltest du mir den Kopf abreißen.“
„Nicht dir, aber denen. Das ist nicht auszuhalten.“
„Nun steigere dich da doch nicht so rein.“
„Ich gehe da gleich rüber.“
„Tust du nicht! Und hör jetzt endlich auf. Wir wollten einen entspannten Weihnachtsmarktbesuch und Stadtbummel machen. Jetzt fängst du hier schon wieder an, dich in irgendwas reinzusteigern, was dich nichts angeht. Ich bin auch hier und mich stören die doch auch nicht.“
„Mich stören sie aber, ich kann das nicht ausblenden.“
„Hör doch nicht hin, dann brauchst du es auch nicht ausblenden.“

„Und dann wollte er den Jakobsweg gehen, um wieder zu sich zu finden, hat es aber nicht bis zur Kathedrale von Santiago de Compostella geschafft.“

De Compostela. Compostela. Santiago de Compostela. Der Jakobsweg endet im galizischen Ort Santiago de Compostela, an der Kathedrale des Heiligen Jakobus, einem der zwölf Apostel Jesu. Der Heilige Jakobus, der Ältere, ist der Schutzpatron Spaniens.

„Aber so eine Pilgerfahrt auf dem Jakobsweg hat doch nicht nur das Ziel, anzukommen, es geht doch um den Weg, die Reise an sich. Hat sie ihm denn gar nichts gebracht?“

Es ist keine Pilgerfahrt. Man fährt ja nicht nach Rom oder nach Mekka. Man wandert. Man geht zu Fuß. Man macht sich auf den Weg, auf den eigenen Beinen. Per pedes ad astra gewissermaßen.

„Ich gehe jetzt. Mit dir ist heute nichts zu machen und es macht mir mit dir auch keinen Spaß! Bleib ruhig hier, stell dich doch am besten zu ihnen an den Tisch. Dann kannst du ihnen wenigstens zuhören! Tschüss!“

In diesem Moment blicken dann die Hauptdarsteller meiner unfreiwilligen Gedankenschleife auf und schauen herüber zu uns.

„Is was?“

Meine Begleitung schaut mich an. Ich schaue meine Begleitung an. Sie schaut. Ich schaue. Sie schaut eindringlicher. Ich schaue zurück. Ich beginne zu starren. Sie bemerkt, wie meine Augen langsam zur Seite wandern. Wie zuerst mein Kopf, dann meine Schultern, dann mein Oberkörper beginnen, sich langsam nach links zu drehen und sich den Personen zuzuwenden. Ich atme ein, hole Luft und will gerade ansetzen. Da spricht sie mich an und sagt nur:

„Sag nichts! Sag jetzt einfach nichts!“

Und ich sage nichts. Nicht Muh und nicht Maff.